Navigeerimine
« Mai 2012 »
Mai
ETKNRLP
123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031
 

Aino Pervik. DAS BUCH ERINNERT SICH

„Als Arno mit seinem Vater im Schulhaus eintraf, hatte der Unterricht bereits begonnen.“

Diesen Satz kennen in meiner Heimat Estland fast alle Leute aus dem Kopf. Damit beginnt ein Buch. Sein Titel lautet „Frühling“, es erschien 1912, und geschrieben hat es der estnische Schriftsteller Oskar Luts (1887 – 1953).

„Frühling“ erzählt von den Kindern einer kleinen Landschule in Estland gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Oskar Luts hat über seine Schulzeit geschrieben. Arno ist nämlich Oskar Luts selber als Kind.

Die Wissenschaftler studieren alte Dokumente und schreiben danach Geschichtsbücher. Die Geschichtsbücher sprechen von Ereignissen, die irgendwann stattgefunden haben. Doch aus den Geschichtsbüchern versteht man nicht so ganz, wie das Leben der gewöhnlichen Leute in den alten Zeiten wirklich war.

Ein Buch mit Geschichten erinnert sich auch an die Dinge, die man in den historischen Dokumenten nicht findet. Zum Beispiel daran, was ein Junge wie Arno dachte, als er vor mehr als hundert Jahren zur Schule ging. Daran, wovon die Kinder damals träumten, was ihnen Angst machte und was ihnen Freude bereitete. Das Buch erinnert sich auch an die Eltern der Kinder, daran, wie sie hätten sein wollen und welche Zukunft sie ihren Kindern gewünscht haben.

Natürlich kann man auch heute Bücher über alte Zeiten schreiben, und oftmals sind sie unheimlich spannend. Doch so ganz kennt der Schriftsteller von heute Freud und Leid, Duft und Geschmack der alten Zeiten doch nicht. Er weiß ja, wie alles weiterging und wie sich die Zukunft der Menschen aus den alten Zeiten gestaltete.

Ein Buch erinnert sich an die Zeit, in der es geschrieben wurde.

Aus den Büchern von Charles Dickens erfahren wir, wie ein Junge das Leben auf den Straßen Londons Mitte des 19. Jahrhunderts wirklich empfunden hat, nämlich als Oliver Twist dort herumlief. Mit den Augen David Copperfields (aber das waren ja Dickens´ Augen in der damaligen Zeit!) sehen auch wir die verschiedensten Leute, die Mitte des 19. Jahrhunderts in England lebten, wie ihr Miteinander war und nach welchen Gedanken und Gefühlen sich dieses Miteinander gestaltete. Denn David Copperfield ist in vielerlei Hinsicht Charles Dickens selber. Dickens musste sich nichts ausdenken, er wußte es einfach.

Aus einem Buch erfahren wir, wie sich Tom Sawyer, Huckleberry Finn und deren Freund Jim wirklich fühlten, als sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Mississippi Dampfer fuhren, also als Mark Twain von ihren Abenteuern schrieb, denn er wusste genau, was die Leute zu jener Zeit voneinander dachten, denn er lebte ja mitten unter diesen Leuten. Er war einer von ihnen.

Über die Menschen aus alter Zeit sprechen am deutlichsten die literarischen Werke, die in der Zeit geschrieben wurden, als diese Menschen lebten.

Ein Buch erinnert sich daran.


Aus dem Estnischen von Irja Grönholm


 Plakat "Raamat mäletab"



Tegevused dokumentidega